Kafka als Rätsel der Germanisten: ein Interview, drei Hochschullehrern

22. 1. 2023 Tereza Frantová

Am 3. Juli 2023 jährt sich zum 140male die Geburt von Franz Kafka. Kafka gehört bis heute zu den meist gelesenen Autoren der deutschen Sprache und zu den beliebtesten Autoren weltweit. Nach der Normalisierung im Jahr 1968 wurde Kafka in der Tschechoslowakei viele Jahre verboten. Heutzutage erfreuen sich Kafkas Texte großer Beliebtheit unter Germanistikstudierenden sowohl auf den deutschen als auch auf den tschechischen Universitäten.

Wie wurde Kafka in Deutschland und in der damaligen Tschechoslowakei aufgenommen? Warum ist er unter den Germanisten so beliebt? Solche Fragen werden im folgenden Interview von drei Universitätslehrern beantwortet. Damit bedanke ich mich herzlichst bei allen drei beteiligten Herren: Mgr. Jan Budňák, Ph.D. vom Institut für Germanistik, Nordistik und Nederlandistik der Masaryk-Universität, Dr. Simon Sahner vom Institut für Deutsche Philologie an der Universität Greifswald und Prof. Dr. Manfred Weinberg, der am Institut für germanistische Studien an der Karls-Universität Prag tätig ist.

Nach seinem Tod beschreibt Jesenská Kafka als,,...Einsiedler, ein(en) wissende(n), vom Leben erschreckten Mensch(en)”, den in der Tschechoslowakei nur wenige kennen. Viele Jahrzehnte lang, im kommunistischen Regime, war Kafka hierzulande so gut wie nicht existent. Nach und nach, angefangen in den 1960er Jahren, nahm das Interesse an Kafka zumindest unter den Germanisten zu. Gilt das auch im Allgemeinen für die Tschechoslowakei (später Tschechische Republik) oder eher nicht? Wie erklären Sie sich das?

Die Beschreibung Kafkas durch Milena Jesenská in ihrem Nachruf hat leider zu einem Klischeebild Franz Kafkas beigetragen, das sicher nicht der Wirklichkeit entspricht. Ich habe dieses Klischee einmal eine „der sicher falschesten Vorstellungen von einem Autor

des 20. Jahrhunderts“ genannt. Kafka war etwa ein großer Freund von Kabaretts, Chantants, Tingeltangel und Operette und konnte bei solchen Vorstellungen, wie er selbst schreibt, auch einmal ungehemmt mitsingen. Außerdem hat er beim öffentlichen Vortrag seiner Texte, wie überliefert ist, immer wieder gelacht, weil er diese ausgesprochen komisch fand.

Das Nicht-Vorhanden-Sein Kafkas in der Tschechoslowakei ist sicher dem Kommunismus geschuldet. Er galt als bourgeoiser, dekadenter Autor ohne Klassenbewusstsein, mit dem sich ein Kommunist nicht befassen musste. Die berühmte Konferenz 1963 in Liblice „Franz Kafka aus Prager Sicht“ hat daran nur bedingt etwas geändert. Die Mehrzahl der Vortragenden blieb bei ihrer ablehnendem Haltung. Immerhin wurde 1965 eine Plakette an seinem Geburtshaus angebracht; alle anderen Denkmäler stammen erst aus der Zeit nach der Wende. Die Niederschlagung des Prager Frühlings und die anschließende Zeit der Normalisierung führten dann wieder zu einem Verschweigen Kafkas; erwähnt werden durfte er nur als Beispiel fehlgeleiteter Literatur. Das heutige Interesse an Franz Kafka ist zumindest, was Prag angeht, eindeutig ein Phänomen des Tourismus. Das Prager Kafka-Museum bietet alle falschen Klischees und bestätigt damit die Vorurteile der Touristen. Wenn ich es richtig einschätze, gibt es auch heute in Tschechien kein überragendes Interesse an Kafka. Er ist zwar zu einem Schulautor geworden; darüber hinaus scheint er mir aber nicht im Fokus zu stehen. Man muss abwarten, ob die Jahre 2023 (140. Geburtstag) und 2024 (100. Todestag) daran etwas ändern.

Prof. Dr. Manfred Weinberg.

 

Das ist eine der vielen Paradoxien um Kafka. Kafka ist nach dem 2. Weltkrieg zunächst in Frankreich und den Vereinigten Staaten zu einem vielgelesenen Autor geworden, in Deutschland erst etwas später. Und am spätesten vielleicht in „seinem“ – damals von Kommunisten regierten – Land, der Tschechoslowakei. Ich würde auch nicht sagen, dass die Kafka-Rezeption in der Tschechoslowakei von den Germanisten ausgegangen ist. Zu dem Zeitpunkt – sagen wir Ende 50er und Anfang 60er Jahre – gab es in der Tschechoslowakei außer Germanisten/Literaturwissenschaftlern, die zugleich Kommunisten waren und kommunistische Kafka-Vorbehalte teilten, so gut wie keine anderen, zumindest in der öffentlichen Präsenz nicht. Ich würde sagen, diese Repräsentanten der (kommunistischen) Literaturwissenschaft mussten einfach auf das bereits global gewordene Phänomen Kafka irgendwie reagieren. Der riesige Bekanntheit Kafkas im „Westen“ konnte auch hinter dem Eisernen Vorhang nicht mehr verheimlicht werden. 1958 ist die alte Pavel Eisner-Übersetzung des Prozess erschienen und nach 1962 kam eine Flut von Kafka-Übersetzungen ins Tschechische, d.h. ungefähr zeitgleich mit den bekannten Konferenzen in Liblice.

Mgr. Jan Budňák, Ph.D.

 

War und ist die Situation in Deutschland anders als hierzulande?

Ich weiß leider nicht, wie die Situation in der Tschechischen Republik ist, deswegen kann ich keinen Vergleich anstellen. In Deutschland nimmt das Interesse an Kafka in den 1960er Jahren stark zu und steigert sich zunehmend bis in die 1980er/1990er Jahre. Kafka ist in Deutschland einer der meist analysierten und behandelten Autoren deutscher Sprache und ist bis heute sehr bekannt. Interessant ist, dass Kafka wahrscheinlich der klassische deutschsprachige Autor ist, der auch in nicht-literarischen Kreisen am bekanntesten ist. Man findet T-Shirts, Tassen und vieles mehr mit Kafka Zitaten oder seinem Porträt darauf. Kafka ist einer der Autoren, der als Figur funktioniert.

Dr. Simon Sahner.

 

Selbstverständlich ist die Situation in Deutschland ganz anders, was mit der Rezeptionsgeschichte zu tun hat. Kafkas Werke wurden zunächst im angloamerikanischen Raum und in Frankreich rezipiert; von dort aus erreichte das Interesse an Kafka auch Westdeutschland (für Ostdeutschland gelten die gleichen Vorurteile wie für die Tschechoslowakei). In Westdeutschland wurde Kafka seit den 1960er Jahren umfänglicher rezipiert. Heute gilt Kafka (zurecht) als einer der „Weltautoren“, die in deutscher Sprache geschrieben haben. Seine verrätselten Texte werden aber allzu oft auf eine einzige Lösung der Rätsel hin gelesen (Allegorese), was wiederum oft der Unkenntnis der Interpreten bezüglich des kulturellen Umfelds Kafkas in Prags geschuldet ist.

Prof. Dr. Manfred Weinberg.

 

Nein, ich glaube, sie ist es im Grunde nicht. Kafka ist zu einem globalen Erinnerungsort geworden – so scheint es mir zumindest von hier und jetzt aus betrachtet. Ich glaube, in dieser Hinsicht steht er auf derselben Ebene – und „muss“ sich denselben narrativen Mechanismen unterordnen – wie etwa John Lennon oder Jesus.

Mgr. Jan Budňák, Ph.D.

 

Wie sieht die aktuelle Situation an den Universitäten aus, wächst das

Interesse der Germanistikstudirenden an Kafka?

Das ist generell schwer zu sagen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Interesse sehr groß ist. Das liegt meines Erachtens daran, dass er zum Einen so bekannt ist und dass seine Werke gut zu besprechen sind, weil sie allgemein menschliche Themen behandeln und gleichzeitig viele Fragen offen lassen. Kafka schreibt in einer sehr klaren Sprache, aber seine Texte sind inhaltlich sehr unklar. Das macht ihn für Studierende reizvoll, weil das Lesen selbst nicht schwierig ist und die Texte viele Anschlussmöglichkeiten bieten. Gleichzeitig ist genau das die Gefahr bei den Texten von Kafka: Man neigt dazu, sie zu sehr zu analysieren und Dinge in ihnen zu suchen und zu sehen, die nicht da sind oder immer wieder die gleichen Muster zu bedienen (Vater-Sohn-Konflikt).

Dr. Simon Sahner.

 

Das Interesse an Kafka ist groß. Viele Studierende bezeichnen Kafka als ihren Lieblingsautor und wollen Essays oder Bachelorarbeiten zu seinen Texten bzw. zu ihm schreiben. Es entstehen Unmengen von Hochschulschriften zu Kafka – nicht nur in Brünn, sondern wahrscheinlich weltweit. Wenn man allerdings diese Arbeiten liest, muss man oft feststellen, dass sie einem ganz einfachen Denkmuster verpflichtet sind oder dass Kafka als Operationsfläche für verschiedene ideologische Implantate dient. Obwohl man sich als Literaturlehrender wünschen würde, dass man sich als Literaturstudierender oder Literaturstudierende gründlich mit den Texten (von Kafka) auseinandersetzt, liest man in diesen Arbeiten meistens, wie sehr die Person Kafka unter dem Joch seines tyrannischen Vaters litt oder wie isoliert der arme, kranke Jude Kafka von irgendeinem glücklichen nationalen, sprachlichen oder konfessionellen Kollektiv war. Als Literaturlehrender würde man sich wünschen, dass die Geheimnisse von Kafkas Texten durchleuchtet werden, vor allem auf ihre Konstruktionsart hin – und dass sie nicht durch Klischees oder weithergeholte Ideologien künstlich überbrückt werden. Um eine Kafka-Weisheit auf Kafka selbst anzuwenden: Kafka lesen soll heißen ihn als eine Axt gegen das gefrorene Meer in uns schwingen lassen!

Mgr. Jan Budňák, Ph.D.

 

Warum sollten Germanisten über Kafka lernen? Verdient er einen Platz im literarischen Kanon? Wenn ja, in welchem? Tschechischem, deutschem, österreichischem oder einem ganz anderen?

Die Frage, ob er einen Platz im Kanon verdient, ist immer schwer zu beantworten, weil sich der Kanon nicht nach literarischen Verdiensten bildet, sondern durch komplexe Macht- und Rezeptionsdynamiken im literarischen Feld. Dass Kafka einen festen Platz im Kanon hat, steht aber außer Frage und dafür gibt es gute Gründe (siehe Antwort zur vorigen Frage). Die Frage nach der Zuordnung ist ebenfalls schwierig. In Deutschland und ich denke in den meisten anderen Ländern wird Kafka als deutscher Autor wahrgenommen, wobei er eben genau genommen ein deutschsprachiger Autor ist. Von daher würde ich sagen, er gehört in den literarischen Kanon deutscher Sprache. Grundsätzlich würde ich aber dafür plädieren, dass man Ländergrenzen auch beim Literaturkanon überwindet. Ein*e Autor*in ist zwar verbunden mit dem kulturellen, historischen und sozialen Kontext ihrer Zeit, aber ich finde es schwierig, das an Landesgrenzen festzumachen.

Dr. Simon Sahner

Ein Leben (und Studium) ohne Kafka ist möglich, aber vielleicht weniger interessant. Natürlich hat er seinen Platz im Kanon verdient. Dabei würde ich davon abraten, ihn einem nationalliterarischen Kanon zuordnen zu wollen. Am ehesten müsste man ihn der deutschen Literatur in den Böhmischen Ländern zuordnen, also der Literatur einer Region, die eben durch ihre Interkulturalität (Tschechen, Deutsche, Österreicher) ausgezeichnet ist. Dazu müsste aber erst einmal eine Literaturgeschichte dieser Region geschrieben werden, die deren interkultureller Verfasstheit gerecht wird, und die Tatsache der Bedeutung solcher regional verwurzelten Literatur im positiven Sinne anerkannt werden.

Hartmut Binder hat in seiner Studie Kafkas Wien ausgeführt, dass es im ‚Studienbuch‘ Kafkas an der „k.k. Carl-Ferdinands-Universität in Prag“ neben Angaben zu „Geburtsort, Geburtsdaten, Religion“ auch die Rubrik „Vaterland“ gab, „die von Kafka recht nachlässig ausgefüllt wurde. Denn als Vaterland erscheint hier nicht etwa Österreich oder Österreich-Ungarn, sondern, und zwar in ganz und gar willkürlicher Abfolge, Böhmen, Prag (2., 3. und 7. Semester), Österreich, Prag (4., 5. und 6. Semester) oder Prag, Böhmen (8. Semester), einmal auch nur Böhmen (1. Semester).“ Das scheint mir – statt der von Binder konstatierten Nachlässigkeit - das Selbstverständnis Kafkas angemessen wederzugeben und sollte ein Leitfaden auch für die Verortung seiner Literatur sein.

Prof. Dr. Manfred Weinberg.

 

Kafka lebte und schuf in der Zeit des Expressionismus, trotzdem sind die meisten

seiner Werke wohl nicht expressionistisch. Kann Kafka überhaupt einer Kategorie zugeordnet werden?


Man findet bei Kafka schon Elemente des Expressionismus, aber ich würde trotzdem zustimmen, dass er kein expressionistischer Autor war. Das gilt aber für viele literarische Texte dieser Zeit. Der Expressionismus war eine literarische Strömung, keine Epoche, dementsprechend sind nicht alle Werke aus der Zeit des Expressionismus auch expressionistisch. Kafka einer Kategorie zuzuordnen ist sehr schwierig, allerdings muss man auch sagen, dass die Epochenzuordnung häufig erst eine Konstruktion der Forschung ist. Bei Kafka ist das noch komplexer als bei anderen Autor*innen. Letztlich würde ich ihn aber als Autor der Moderne kategorisieren, weil er viele Themen aufgreift und behandelt, die für die Moderne relevant sind.

Dr. Simon Sahner.

 

Nein, ich glaube nicht, dass man Kafka einer Epoche zuordnen kann (außer der der klassischen Moderne). Max Brod hat einmal alle Autoren der sogenannten Prager deutschen Literatur „transzendentale Realisten“ genannt; aber das führt auch nicht weiter.

Prof. Dr. Manfred Weinberg.

Einer literaturhistorischen Kategorie? Ja – der Moderne.

Mgr. Jan Budňák, Ph.D.

 

Wie würden Sie seine Werke für die Studierenden charakterisieren?

Wenn ich jemandem, der noch nie Kafka gelesen hat, erklären wollte, wie sich seine Texte am ehesten anfühlen, würde ich sagen, stell Dir vor, Du träumst und es ist kein angenehmer Traum. In Träumen kennen wir die Situationen, dass wir an Orten sind, die uns bekannt sind, aber etwas ist anderes als in der Realität, etwas stimmt nicht, gleichzeitig nehmen wir das hin, wir akzeptieren es. Menschen verhalten sich in Träumen plötzlich anders, etwas ist verschoben – das Gefühl erzeugen Kafkas Texte. Etwas stimmt nicht, aber es ist schwer zu sagen, was genau nicht stimmt. Sein Schreiben setzt sich außerdem mit Fragen und Konflikten auseinander, die sehr allgemein menschlich sind – er behandelt die großen Fragen von Schuld, Liebe, Orientierung im Leben, Lebenssinn, Beziehungen, Familie, Verantwortung etc. und bricht sie in einfache Muster herunter. Deswegen sind seine Texte so anknüpfungsoffen.

Dr. Simon Sahner.

Die meisten Texte von Franz Kafka sind rätselhaft. Das hat biographisch sicher damit zu tun, das Kafka sich nie für eine Position entscheiden konnte, wie man hinsichtlich seines Judentums sieht: Sich selbst hat er als „westjüdischsten der Westjuden“ bezeichnet, sich aber auch sehr für das traditionelle Ostjudentum interessiert. Max Brod hat ihm eine Nähe zum Zionismus unterstellt. Tatsächlich gilt wohl alles zugleich: Kafka konnte und wollte sich nicht entscheiden; er hat solche Entscheidungen offengehalten. So offen sind dann eben auch seine Texte. Die Frage ist, wie man mit dieser Offenheit umgeht. Die herkömmliche Kafka-Forschung versteht die Texte als Allegorien, die verdeckt und verrätselt von etwas genau zu Bestimmendem erzählen. Ich selbst glaube, dass man den Texten sehr kleinteilig folgen muss. Dann sieht man deren ungeheures Reflexionspotential, das aber nicht darin besteht, dass verrätselt über ein Anderes gesprochen wird, sondern darin, dass er ein ungeheuer komplexes und dabei stets in sich widersprüchliches Erzählgefüge aufbaut.

Prof. Dr. Manfred Weinberg.

Sie sind beim zweiten Lesen besser als beim ersten, und beim dritten sind sie noch besser.

Mgr. Jan Budňák, Ph.D.

 


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